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Die Raugrafen
WEG-Schüler "schreiben" Regionalgeschichte

Spurensuche - Die Raugrafen in der Nordpfalz - So lautet der Titel eines 1998 erschienenen Buches über das mittelalterliche Adelsgeschlecht der Raugrafen. In sechs jeweils mehrseitigen Beiträgen geben Sascha Müller, Tatiana Bernhardt, Christoph Döring, Thomas Wiegand, Claudine Graf und Marc-Oliver Gerke aus der 13. Jahrgangsstufe 1997/98 Einblicke in das Leben des Mittelalters und die Welt der Raugrafen. Unterstützt wurde die Arbeitsgruppe von Margrit Diergarten, Silke Maurer (WEG-Abitur 1985) und unserem Schulleiter Dr. Klaus Kremb, der auch alle wesentlichen "Fäden spann".

Das Buch dreht sich um knapp einhundert Urkunden aus dem Zeitraum von 1277 bis 1677, die die Sparkasse Donnersberg 1996 in Paris für das Landesarchiv Speyer erwarb. Um diese Urkunden herum versuchen die Autoren die weitgehend vergessene Geschichte des Mittelalters, die zudem noch stark romantisiert und mit Vorurteilen belegt ist, und das Schalten und Walten der Raugrafen in der Nordpfalz zu entwirren und die Leser mit interessanten Geschichten zu faszinieren.

Im Eingangsbeitrag "Auf den Spuren der Raugrafen - Ein fast vergessenes Adelshaus" erzählt Sascha Müller von der einstigen Ausdehnung des raugräflichen Herrschaftsgebietes um die Stammburgen Altenbaumburg, Neuenbaumburg und Burg Stolzenberg, vom Aufstieg der Raugrafen im 12. und 13, Jahrhundert und von ihrem Fall Mitte des 15. Jahrhunderts.

In "Was heißt Mittelalter? - Einblick in eine ferne Zeit" von Tatiana Bernhardt dreht sich alles um das Verhältnis des mittelalterlichen Menschen zu Gott, zur Kirche und zur Religion. Es entsteht das Bild einer Gesellschaft, die viel stärker aufs "Jenseits" orientiert war als der "moderne" Mensch des ausgehenden 20. Jahrhunderts.

Christoph Dörings "Mit Brief und Siegel - Die Beschaffenheit mittelalterlicher Urkunden" zeichnet in anschaulicher Weise die Entwicklung des Beschreibmaterials (Pergament), der Schrift und der Siegelkunst des Mittelalters nach. Auch das mittelalterliche Wappenwesen wird in den Grundzügen erklärt.

Der Beitrag "Von Gottes Gnaden - Über mittelalterliches Rechtsgebaren" von Thomas Wiegand veranschaulicht die Entwicklung des Urkundenwesens und den Einfluss sowohl der germanischen als auch der römischen Rechtstradition auf das Rechtsgebaren im Mittelalter. An einer Kaiserurkunde Ludwigs des Bayern aus dem Jahre 1330 wird der Aufbau einer mittelalterlichen Urkunde exemplarisch dargestellt.

Das Kapitel "Leben im Mittelalter - Urkunden als Zeitzeugen" von Claudine Graf berichtet über das Leben auf den Burgen, das Lehenssystem des Mittelalters, Ehe und Familie und viele weitere alltägliche Erscheinungen der damaligen Zeit.

Im letzten Beitrag "Niedergang oder Wiederaufstieg - Die Raugrafen im Nachmittelalter" verfolgt Marc-Oliver Gerke die Spuren der Raugrafen nach ihrem "pfälzischen Ausverkauf" ins Luxemburgische, wo sich Ableger des Adelsgeschlechts bis ins 19. Jahrhundert finden.

Die Inhaltsangaben der knapp einhundert Urkunden im Anhang runden dieses 120 Seiten starke, durchgehend vierfarbig gedruckte und mit vielen Bildern (darunter zahlreiche Fotos von Götz Diergarten, WEG-Abitur 1992) und Zeichnungen reich illustrierte Buch ab. Erhältlich ist der Band bei der Sparkasse Donnersberg.Vergangenheit erlebbar machen: Dieses Ziel des Geschichtsunterrichts bleibt in der Schulpraxis jedoch all zu oft unverwirklicht. Dabei bietet die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit so viele Möglichkeiten. Ein Beispiel dafür ist die Unterrichtsreihe "Deutsche Revolution" in der Klasse 11a (1997/98) des WEG. Denn das Unterrichtsziel unseres Geschichtslehrers Dr. Kremb war es, im Auftrag der Stadt Kirchheimbolanden ein Konzept für einen "Freischarenweg Kirchheimbolanden" zu erarbeiten. Konkret: In 15 Stationen sollte ein thematischer Stadtrundgang durch Kirchheimbolanden an Hand von "Personen und Ereignissen der Pfälzischen Revolution von 1848/49" entwickelt werden.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Jede der 15 Tafeln beginnt mit einem durchlaufenden Leitgedanken, der die historische Rahmenproblematik entfaltet: "1848/49 stand Deutschland an einem historischen Scheideweg. Die Alternative lautete: Fortbestehen des monarchischen Obrigkeitsstaates oder Einführung demokratischer Strukturen. Eine folgenreiche Entscheidung für die Pfalz fiel am 14. Juni 1849 in Kirchheimbolanden."

Vergegenwärtigen wir uns den Zeitkontext: Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft (1815) sucht Europa eine neue politische Struktur. Die Repräsentanten der europäischen Staaten greifen jedoch zu Vergangenem. Sie restaurieren eine sterbende Ordnung: den Obrigkeitsstaat. Gleichzeitig unterdrücken sie die demokratischen Kräfte in Europa. Die liberalen Kräfte verwirklichen sich in revolutionären Strömungen.

In der sogenannten "Dritten Französischen Revolution" wird dann im Februar 1848 König Louis Philippe gestürzt: Dies hat tiefgreifende Auswirkungen auf Deutschland: Das freiheitlich gesinnte "liberale" Bürgertum sucht politische Entfaltung: Die Monarchen müssen um ihre Herrschaft fürchten. Um einer möglichen Revolution vorzubeugen, machen sie den Demokraten Zugeständnisse: Liberal orientierte Beamte, freie Wahlen für ein gesamtdeutsches Parlament, welches eine demokratische Verfassung für einen deutschen Nationalstaat ausarbeiten soll. Am 18. Mai 1848 versammelt sich dieses Parlament in der Frankfurter Paulskirche, zehn Monate später wird eine Verfassung vorgelegt. Hauptinhalte sind: Grundrechte, Volkssouveränität und Gewaltenteilung als Pfeiler einer konstitutionellen Monarchie. Doch besonders die Königreiche Preußen und Bayern lehnen diese Vorschläge entschieden ab. Dies führt u.a. in der Pfalz zu politischen Spannungen, die sich in der "Pfälzischen Revolution" entladen.

Die Pfalz gehört seit 1816 zum Königreich Bayern. Im Mai 1849 wird in Kaiserslautern eine provisorische Regierung gebildet, die sich zur Verfassung der Paulskirche bekennt und die politische Loslösung der Pfalz von Bayern proklamiert. Der bayrische Monarch bittet daraufhin den preußischen König um militärische Hilfe. So kommt es am 14. Juni 1849 in Kirchheimbolanden zu einem Gefecht preußischer Truppen gegen rheinhessische Freischärler. Kommandiert werden die preußischen Truppen von Prinz Wilhelm, dem späteren Kaiser Wilhelm I, der 1849 die "Einheit und Freiheit von unten" bekämpft, 1871 dann aber im Zuge der Reichsgründung die "Einheit von oben" vollzieht.

An diesem Tag bestimmen in Kirchheimbolanden Barrikaden rings um den Schlossgarten das Bild (Tafel 3). Beim Anmarsch der Preußen fliehen jedoch die allermeisten der rund 2.000 Freischärler, die sich in Kirchheimbolanden befinden. Trotzdem gibt es in einem Gefecht 17 Tote - allesamt Freischärler (Tafel 4). Die Toten werden kurze Zeit später auf dem Friedhof bestattet. Allerdings wird die Aufstellung eines Grabsteines lange versagt. Erst 1866 (nach dem für Preußen erfolgreichen Krieg gegen Österreich) ist dies möglich (Tafel 6).

Die wichtigste Voraussetzung für den Ausbruch der Revolution ist eine bis zu diesem Zeitpunkt schwer vorstellbare politische "Mobilisierung" der Bevölkerung. Eine Bürgerversammlung am 5. April 1848 in der Prot. Peterskirche (Tafel 12), in der Forderungen nach Demokratie und Mitbestimmung geäußert werden, und die Gründung des Kirchheimer Bürgervereins (Tafel 15) belegen dies. In insgesamt 17 Sitzungen wurde unter Vorsitz von Dr. Friedrich Glaser debattiert. Glaser (Tafel 9) war neben Carl Theodor und Carl Adolf Ritter (Tafel 8), Ludwig und Mathilde Hitzfeld (Tafel 14) sowie den beiden Freischarenführern Ludwig Bamberger und Franz Zitz (Tafel 2) einer der aktivsten Verfechter demokratischer Ideen in Kirchheimbolanden.

Für eine Revolution müssen jedoch neben politischen und personellen auch materielle Voraussetzungen existieren: Die Messerschmiede Marx produzierte Waffen (Tafel 11), die Druckerei Thieme war es, die mit dem "Kirchheimer Wochenblatt" revolutionäre Ideen verbreitete (Tafel 7).

Das 1872 errichtete Denkmal der "Trauernden Germania" auf dem Friedhof (Tafel 5) und der Platz am Grauen Turm (Tafel 10) schließlich regen zur Auseinandersetzung mit der Revolutionsrezeption an, d.h. mit der Frage, wie Zeitgenossen und spätere Generationen auf die Geschehnisse vom 14. Juni 1849 reagierten.

Dr. Klaus Kremb

 

 

 

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