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»Lieber Gott, lass mich nicht verbummeln«
Wilhelm Heinrich Erb -Ein Leben für die Medizin
»Das Wissensgebiet der Medizin ist in unseren Tagen zu einem außerordentlichen Umfange angewachsen und in rapide fortschreitender Ausdehnung begriffen. Was hervorragenden Geistern früherer Jahrhunderte möglich war: das ganze Gebiet der Heilkunde zu überblicken und selbst zu beherrschen - das dürfte heute wohl selbst der genialsten Begabung und dem ausdauerndsten Fleiß unerreichbar sein.«
Mit diesem Satz, der ohne Abstriche auf die Medizin im ausgehenden 20. Jahrhundert Anwendung finden kann, eröffnet Wilhelm Heinrich Erb am 16.6.1880 seine Akademische Antrittsrede als frisch gewählter Direktor der Neurologischen Poliklinik an der Universität Leipzig. Unter dem Vortragstitel: »Über die Entwicklung der Nervenpathologie- und ihre Bedeutung für den medizinischen Unterricht« gibt er in dieser, übrigens am 7. Todestag Moritz Heinrich Rombergs, dem Mitbegründer der deutschen Neurologie, gehaltenen Rede einen brillanten, kritisch analysierenden, stellenweise klagenden und dann wieder futuristisch synthetisierenden Überblick über ein, zur damaligen Zeit zwar nicht mehr junges, aber dennoch mit rasender Geschwindigkeit sich entwickelndes, medizinisches Wissensgebiet. Mit diesem Satz, der ohne Abstriche auf die Medizin im ausgehenden 20. Jahrhundert Anwendung finden kann, eröffnet Wilhelm Heinrich Erb am 16.6.1880 seine Akademische Antrittsrede als frisch gewählter Direktor der Neurologischen Poliklinik an der Universität Leipzig. Unter dem Vortragstitel: »Über die Entwicklung der Nervenpathologie- und ihre Bedeutung für den medizinischen Unterricht« gibt er in dieser, übrigens am 7. Todestag Moritz Heinrich Rombergs, dem Mitbegründer der deutschen Neurologie, gehaltenen Rede einen brillanten, kritisch analysierenden, stellenweise klagenden und dann wieder futuristisch synthetisierenden Überblick über ein, zur damaligen Zeit zwar nicht mehr junges, aber dennoch mit rasender Geschwindigkeit sich entwickelndes, medizinisches Wissensgebiet.
ERB hat bis zu diesem Zeitpunkt bereits eine große Strecke seiner glänzenden medizinischen Karriere in der Inneren Medizin, welcher damals die »Neurowissenschaften« noch einverleibt, ja mancherorts auch untergeordnet waren, zurückgelegt.
Man ist angesichts seiner Biographie leicht geneigt, ihn mit dem postmodernen Terminus YUPPIE zu belegen, womit man sicher dem Tempo, der Professionalität und dem Erfolg seines medizinischen Strebens gerecht würde. Wie wir noch sehen werden, war er jedoch weit mehr als ein »Young Urban Professional«.
Am 30.11.1840 wird ERB als Sohn eines Revierförsters in Winnweiler geboren. Über seine frühe Jugend sind nur unscharfe Daten überliefert, sie wird jedoch stets als »glücklich in Winnweiler verbracht« beschrieben, was mir persönlich nachzuempfinden nicht schwer fällt. Darüberhinaus wird schon früh von seinem damaligen Umfeld sein Fleiß und seine Wißbegierde ebenso wie die Zuverlässigkeit seines Charakters gelobt. Wohlwollendes Lob für einen Heranwachsenden, dessen Jugend am Vorabend der Deutschen Revolution nicht unbedingt in ein friedliches Deutschland fällt. Es ist sicherlich als ein glücklicher Umstand zu werten, daß das Leben auf dem Land in einem Agrarstaat, in dem 80 % der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig sind, lange Zeit von den, sich in den wenigen urbanen Zentren entzündenden, Wirren verschont bleibt. Heinrich Laube, Schriftsteller und Wortführer der literarischen Gruppe »Junges Deutschland«, schrieb zu dieser Zeit: »Wir leben in einer kritischen Epoche. Alles. ist in Frage gestellt. Das große Examen der Welt hat begonnen.«
Die Jugend des Wilhelm Heinrich Erb blieb davon weitgehend unbeschwert. Die konsequente pädagogische und bildungspolitische Umsetzung des durch die Französische Revolution auf brutale Weise getriggerten aufklärerischen Gedankenguts hatte in der Welt des Biedermeier einerseits ihre politisch-soziale Abn-ülderung, andererseits jedoch ihre letztendlich fruchtbare Einbettung in das bürgerliche Leben gefunden.Die Jugend des Wilhelm Heinrich Erb blieb davon weitgehend unbeschwert. Die konsequente pädagogische und bildungspolitische Umsetzung des durch die Französische Revolution auf brutale Weise getriggerten aufklärerischen Gedankenguts hatte in der Welt des Biedermeier einerseits ihre politisch-soziale Abmilderung, andererseits jedoch ihre letztendlich fruchtbare Einbettung in das bürgerliche Leben gefunden.
Mit dem Eintritt in die, von den Pfarrern Hollensteiner und Sturtz geführte, damals offensichtlich jedoch nicht mehr (oder noch nicht?) staatlich legitimierte Lateinschule Winnweiler eröffnet sich dem jungen Wilhelm Erb die Welt eines frisch vom Humboldtschen Bildungsverständnis geprägten und mittlerweile auch im Süden Deutschlands übernommenen Schulwesens. Über seine Qualitäten als Schüler ist lediglich die bereits erwähnte Begierde zu lernen überliefert, von dem Makel, eine Klasse wiederholen zu müssen, bleibt er, im Gegensatz zu einer Reihe später berühmt gewordener Zeitgenossen, verschont.
Nach dem Erreichen der Hochschulreife wechselt der junge Wilhelm Heinrich bereits mit 17 Jahren zur traditionsreichen Universität Heidelberg, wo er das Studium der Humanmedizin beginnt. Mit Zwischenstation in Erlangen examiniert er 5 Jahre später an der Universität München und kehrt mit 22 Jahren nach Heidelberg zurück. Seine unter der Anleitung des Pathoanatomen Buhl begonnenen Studien setzt er in Heidelberg fort. Imjahre 1864 promoviert er mit einer Dissertation über die Wirkung der Pikrinsäure (welche damals in der Behandlung verschiedener Wurmerkrankungen eine besondere Rolle spielte) auf den menschlichen Organismus.
Es ist für den jungen, nach Abschluß des Studiums vor Ideen sprühenden, energiegeladenen und wißbegierigen Arzt als besonderer Glücksfall anzusehen, daß er in Nikolaus Friedreich, dem damaligen Ordinarius für Innere Medizin der Universität Heidelberg, einen Lehrer fand, der die Faszination, die von seiner Vorliebe für die Forschung auf dem Gebiet der Nervenheilkunde ausging, auf seine Schüler übertrug. Die Entdeckung und Beschreibung der heute unter dem Namen »Friedreich - Ataxie« bekannten, mit Sprachstörungen und Lähmungserscheinungen kombinierten Gang- und Bewegungsstörung ist exemplarisch als eines der zahlreichen Verdienste Friedreichs hervorzuheben, die Erb hautnah miterleben durfte.
Die wissenschaftlichen Interessen zu Beginn seiner ärztlichen Laufbahn hatten allerdings mit der Nervenheilkunde recht wenig zu tun, sondern beschäftigten sich mit allgemeinen internistischen Fragestellungen. Bereits 1865, n-dt 25 Jahren und erst 3 Jahre nach Eintritt in die Friedreich'sche Klinik, legt Erb seine Habilitationsschrift über »Die Entwicklungsgeschichte der roten Blutkörperchen« vor. Weitere Publikationen über nicht - neurologische Themen sind in dieser Zeit Ergebnisse rein experimenteller Forschung, so z. B. über das Vorkommen von Trichinen beim Hund (1864) und bei Ratten (1866). Sie sind, ebenso wie die späteren Arbeiten über die Wirkung der Salicylsäure (1884) oder des Fiebermittels Antipyrin (1884), über die Therapie des Typhus (1901, 1907), über den Diabetes mellitus (1892) oder »Zur Statistik des Trippers beim Manne und seiner Folgen für die Ehefrauen« (1906), seltene internistische »Farbtupfer« in seinem medizinischwissenschaftlichen
Lebenswerk.
Die Liste der während seiner Heidelberger Zeit entstandenen Werke liest sich fast wie ein Kompendium der heutigen Neurologie. So fand er einen glänzenden Einstieg in die noch junge Neurophysiologie (welche sich mit den Funktionen des Nervensystems beschäftigt) durch seine experimentellen und klinischen Forschungen zur elektrischen Erregbarkeit von Nerven und Muskeln. Nur knapp 75 Jahre zuvor hatte im Jahre 1792 GALVANI die Existenz der tierischen Elektrizität nachgewiesen, eine Entdekkung, welche lange Zeit unbeachtet blieb, bis Johannes MÜLLER, ein Berliner Physiologe, in den 30er Jahren die Bedeutung der Arbeit GALVANIS für die Funktion der Muskulatur und des Nervensystems erkannte. Das Studium der Wirkung von Elektrizität auf Nerven und Muskeln beim Menschen führte Erb dazu, eine experimentelle Grundlage für die Heilwirkung galvanischer Ströme zu postulieren. Dies gelang ihm, trotz heftiger wissenschaftlicher Anfechtungen, denen er damals ausgesetzt war. Sein großer Verdienst war es, diese wissenschaftlich »frischen« Erkenntnisse sowohl in die Diagnostik als auch in die Therapie bestimmter Formen von Muskel- und peripheren Nervenerkrankungen unmittelbar eingebracht und nutzbar gemacht zu haben. Seine 1867 publizierten »Galvano-therapeutischen Mitteilungen« oder beispielsweise sein »Handbuch der Elektrotherapie und Elektrodiagnostik« zeugen von seiner
Aktivität auf diesem Gebiet und wurden zu neurologischen Standardwerken seiner Zeit.
Die gleichzeitig mit WESTPHAL gemachte Entdeckung der sog, Sehnenreflexe erweiterte in fast revolutionärerWeise die klinischneurologische Diagnostik. Exemplarisch sei aus dieser Zeit noch sein, durch empirische Beobachtungen fundamentiertes, Postulat hervorgehoben, daß die »Tabes dorsalis« oder »Rückenmarksschwindsucht« nichts anderes als eine Manifestationsform der Syphilis sei. Durch die erst später erfolgte Entdeckung des Syphiliserregers und seines spezifischen Nachweises wurde ERB, wie so oft, in seinen wissenschaftlichen Behauptungen bestätigt. An diesem Beispiel wird schon früh sein, von scharfer und unnachsichtiger Kritik geprägter, Arbeitsstil deutlich. So rühmte man ihn schon zu Lebzeiten, daß er nie habe etwas zurücknehmen müssen von dem, was er behauptet hatte.
Die meisten Arbeiten sind auch an der Schwelle zum 21. Jahrhundert noch als neurologische Evergreens anzusehen. So beispielsweise die oben erwähnte Entdeckung der Sehnenreflexe, deren Untersuchung fester Bestandteiljeder neurologischen Befunderhebung ist. Oder aber die Entdeckung der sog. »Entartungsreaktion«, einer trägen, mit elektrophysiologischen Methoden nachweisbaren Zuckung in gelähmten Muskeln. Als »Erb'sches Phänomen« bezeichnet man noch heute die Übererregbarkeit der Muskulatur bei der Tetanie. Der »Erb'sche Punkt«, eine Stelle im Arm - Nervengeflecht, die »Erb'sche Lähmung«, eine Lährnungsform bestimmter Muskelgrtippen des Armes, die »Erb-Goldflam-Oppenheimer'sche Krankheit«, deren Beschreibung hier zu weit führen würde, sind Begriffe, welche den Namen Wilhelm Erb international bekannt gemacht haben und auch heute noch von seinen damaligen Leistungen für die noch junge Neurologie Zeugnis geben.
Die Ergebnisse seiner empirischen Beobachtungen und seiner experimentellen Arbeiten stellen ihn schon bald, wie Max Nonne, ein Erb-Schüler, es formulierte: »... in die erste Reihe der damaligen Neurologen.«
Nach 18 wissenschaftlich fruchtbaren Jahren in Heidelberg folgte im Alter von knapp 40 Jahren der Ruf als Direktor der Neurologischen Poliklinik an die Universität Leipzig. Es sollte ein kurzes Intermezzo bleiben, zumal überliefert ist, daß es einiger Überzeugungsarbeit durch seine engsten Freunde bedurft hatte, ihn dazu zu bringen, von Heidelberg wegzugehen.
Seine wesentliche Arbeit in Leipzig war die weitere Erforschung der oben erwähnten »Tabes dorsalis«. Bereits 3 Jahre später folgte ERB seinem Lehrer FRIEDREICH auf den Lehrstuhl für Innere Medizin der Universität Heidelberg nach. Aus den folgenden Jahren ragt die Erforschung der Muskeldystrophien hervor. Diese, im wesentlichen durch Muskelschwund charakterisierten, Erkrankungen konnten grundsätzlich durch eine Erkrankung des Rückenmarks oder aber durch eine primäre Erkrankung des Muskels bedingt sein. Erb führte, aufgrund seiner Krankenbeobachtungen, seiner anatomischen Studien am lebenden Muskel und der Literaturanalyse der damaligen Zeit, als Erster eine deutliche Abgrenzung der Progressiven Muskeldystrophie als reine muskuläre Erkrankung von den sonstigen, durch Veränderungen in Rückenmark und peripheren Nerven bedingten, Formen durch. Eines seiner bekanntesten und wertvollsten wissenschaftlichen Werke sind bis heute die Abhandlungen über die »Dystrophia musculorum progressiva« geblieben, welche in den Jahren 1884 und 1891 publiziert worden waren.
Vielleicht sind aus der Fülle der wissenschaftlichen Publikationen noch die folgenden erwähnenswert: Im Februar 1988 schreibt Wilhelm Erb im Deutschen Archiv für Klinische Medizin einen Artikel über die »Akrornegalie«, ein Krankheitsbild, welches durch ein ungewöhnliches Größenwachstum der Körperenden (»Akren«) charakterisiert ist. Die Ursache dieses Krankheitsbildes war damals völlig unklar.
»Die vorstehenden Fälle - deren etwas ausführlich gewordene Mitteilung durch ihre große Seltenheit, zum Teil dadurch gerechtfertigt sein mag, daß es bei solchen neuen Krankheitsformen doch sehr wünschenswert ist, möglichst genaue und umfassende Befunde zu erheben, welche späteren Beobachtern vielleicht sehr erwünscht sein können, wenn auch uns selbst manches noch keine Wichtigkeit zu haben scheint - gehören ohne Zweifel zusammen«, schreibt Wilhelm Erb akribisch und weitblickend, denn was er damals beobachtete, beschrieb und entdeckte, aber doch nicht ursächlich erkannte, waren, von Tumoren der Himanhangsdrüse ausgehende, Hormonstörungen, an welchen die Patienten letztendlich verstarben. Diese Tumoren sind heute durch moderne n-dkroneurochirurgische Techniken behandelbar, sie können sogar in vielen Fällen, ohne Öffnung des Schädels, über einen chirurgischen Zugang zur Himbasis durch die Nase operiert werden.
Als hätte er es damals geahnt, schreibt Erb: »Aber es wäre denkbar, daß Organerkrankungen beständen, welche ... durch Produktion von chemischen Stoffen.. . die in das Blu t gelangen, erregend aufdie Körpergewebe und ihre Wachstumsvorgänge wirken ... welche in den verschiedenen Körpergeweben diese Wucherungen veranlassen.« Und weiter: »In der Tat scheint eine Vergrößerung der Hypophysis cerebri (Hypophyse = Hirnanhangsdrüse) ... konstant zu sein.«
»Zur Chirurgie der Hirntumoren« (1892), »Zur Lehre von den Unfallerkrankungen des Rückenmarkes« oder »Zur Pathologie des internüttierenden Hinkens« (1919) sind weitere frühe wissenschaftliche Beiträge zu Krankheitsbildern, welche schon bald neurochirurgisch behandelbar werden sollten. »Zur Chirurgie der Hirntumoren« (1892), »Zur Lehre von den Unfallerkrankungen des Rückenmarkes« oder »Zur Pathologie des internüttierenden Hinkens« (1919) sind weitere frühe wissenschaftliche Beiträge zu Krankheitsbildern, welche schon bald neurochirurgisch behandelbar werden sollten. »Zur Chirurgie der Hirntumoren« (1892), »Zur Lehre von den Unfallerkrankungen des Rückenmarkes« oder »Zur Pathologie des internüttierenden Hinkens« (1919) sind weitere frühe wissenschaftliche Beiträge zu Krankheitsbildern, welche schon bald neurochirurgisch behandelbar werden sollten.
Das hier skizzierte wissenschaftliche Curriculum vitae von Wilhelm Erb kann selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, vielmehr wurde versucht, die Leistungen des Arztes Wilhelm Erb exemplarisch zu beschreiben. Eine gerechte Wertung dieser Arbeit wird stets mißlingen, wenn man sie nicht vor dem Hintergrund der Medizin in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sieht. Sie ist, nicht nur was das Wissen und die technischen Möglichkeiten betrifft, in keiner Weise mit der modemen Medizin an der Schwelle zum 21. Jahrhundert vergleichbar. Das Fach Neurologie, die Lehre von den Erkrankungen des Nervensystems, war nicht als eigenständige Fachrichtung etabliert, sondern gehörte der Inneren Medizin an. Überhaupt gab es damals gerade eine Handvoll medizinischer Spezialdisziplinen, deren Zahl mittlerweile auf 42 (!) angestiegen ist.
Die damalige Epoche der Neurologie wurde von Charcot zurecht als nosographisch bezeichnet. Alles kam auf das Beobachten, auf das Sehen an. Die gesamte Diagnostik der Erkrankungen des Nervensystems war eine »medizina ex visu«. Der Ort des Forschens war weniger das Labor als vielmehr die tägliche ärztliche Sprechstunde, die Visiten am Krankenbett, der Schreibtisch, an dem die Krankengeschichten ausgewertet wurden. Erb's Werke sind Bestandteil einer damals geschaffenen »Galerie der neurologischen Krankheitsbilder«, eines Bildersaals, der uns heute noch umgibt«, schreibt Paul Vogel 1965 in dem, anläßlich des 125. Geburtstages von Wilhelm Erb herausgegebenen, Buch über die Progressiven Muskeldystrophien.
Es ist nicht schwer, die Charaktereigenschaften zu definieren und zu belegen, die Erb's methodischen Stil geprägt und ihn an die Spitze der damaligen Medizin geführt haben. Da ist zunächst sein Weitblick, sein Gespür für künftige
Lösungsmöglichkeiten, auch wenn sie zunächst lediglich, auf den bekannten Fakten aufbauende, eigene Phantasie waren. Einige fachliche Beispiele wurden bereits gegeben, jedoch waren es vor allem berufspolitische und die medizinische
Ausbildung betreffende Perspektiven, die Erb's Gedanken weit in das nächste Jahrhundert schweifen ließen. So beklagte er schon am 16. Juni 1880 in seiner AntrittsredeinLeipzig»ÜberdieneuereEntwicklungderNervenpathologie und ihre
Bedeutungfür den medizinischen Unterricht«,
daß »... die systematische wissenschaftliche Ausbildung vernachlässigt wird gegenüber der rein praktisch-technischen Unterweisung, die damit zu einer bloßen Abrichtung herabzusinken droht.« - ein Phänomen, wie wir es heute in immer stärkerem Maße an den medizinischen Hochschulen erleben. Auch die Tatsache, daß die »Nervenpathologie« bald zu einem eigenständigen Fach werden würde, hat Erb früh realisiert: »Die Selbständigkeit der Nervenpathologie als eines besonderen klinischen Lehr- und Forschungsgebietes wird nicht ausbleiben; sie muß über kurz oder lang kommen.« (September 1909, Über den Neurologischen Unterricht an unseren Hochschulen).

Erb war ein Mensch mit vielen Idealen. Vor allem aber lebte er seine Wissenschaft vor. Unbeirrt, wahrheitsfanatisch und geradlinig, unbeugsam in der Analyse klinischer oder experimenteller Beobachtungen. Max Nonne, einer seiner berühmtesten Schüler, schreibt 1970: » Unheilbar war der Bruch zwischen Erb und jedem mit ihm zusammen Arbeitenden, wenn er das geringste " corriger la viriti" bei diesem entdeckte. Dabei gab es keinen Pardon, der Draht war und blieb abgerissen.«

Erb liebte die Leistung, er war ein unermüdlicher Arbeiter, ein »workaholic« parexcellence, seinTagesablauf auchohne elektronische Terminkalender und Datenbanken straff durchorganisiert. Er haßte, wenn man ihn warten ließ, und war daher stets selbst so pünktlich, daß man die Uhr nach ihm stellen konnte.

Mit seiner ausgeprägten Heimatverbundenheit kam er erstmals in Konflikt, als er den Ruf an die Universität Leipzig erhielt. Das Weggehen aus Heidelberg ist ihm, der die Schönheiten der Pfalz, die Spaziergänge im Pfälzer Wald, so liebte, sehr schwer gefallen.
Er ist seinem Heidelberg auch später treu geblieben, als er noch später den so hochkarätigen Ruf zur Universität Wien erhielt -und ablehnte. Seine Schwägerin Elisabeth Gass schrieb 1928:
»Wenige haben ihre Pfalz so geliebt wie er, in wenigen war der Pfälzer sopisch, impulsiv und unverfälscht lebendig, aber auch so naturhaft echt, wie seine Wälder, die ihm Heimat waren. «
Er war voller Energie, die häufig nicht nur in seiner täglichen Arbeit ein zielgerichtetes Ventil fand. Sein, als cholerisch beschriebenes, Temperament ging nicht ganz selten mit ihm durch. Vor allem dann, wenn es um die Bewältigimg unliebsamer Aufgaben ging. Hierzu zählten vor allem Verwaltungstätigkeiten oder Staatsexamina. So empfing er die Examensgruppe von Max Nonne mit einer auf den Boden geschmetterten Zeitung und dem pfälzischen Ausruf: »Himmeldunnerwetter, schon wieder des verfluchte Staatsexame!« Er war voller Energie, die häufig nicht nur in seiner täglichen Arbeit ein zielgerichtetes Ventil fand. Sein, als cholerisch beschriebenes, Temperament ging nicht ganz selten mit ihm durch. Vor allem dann, wenn es um die Bewältigimg unliebsamer Aufgaben ging. Hierzu zählten vor allem Verwaltungstätigkeiten oder Staatsexamina. So empfing er die Examensgruppe von Max Nonne mit einer auf den Boden geschmetterten Zeitung und dem pfälzischen Ausruf: »Himmeldunnerwetter, schon wieder des verfluchte Staatsexame!«
Nichtsdestotrotz war er ein vorbildlicher Lehrer, stets bereit, Wissen weiterzugeben, aber auch bereit, sein eigenes Wissen zu erweitern. Dazu gehörte auch, daß er, wenn ein Patient von ihm verstorben war, stets mit seinen Studenten der Sektion beiwohnte, welche nicht selten ein anderes Ergebnis ergab, als vorher vermutet worden war. Erb scheute sich nie, Irrtümer zuzugeben, nein, diese Irrtümer waren ihm stets Ansporn, seine Fehlerquellen in Zukunft aufzudecken und daraus zu lernen.
Der tägliche Umgang mit seinen Patienten, die akribische Analyse klinischer Krankheitsbilder waren in erster Linie die Quelle seiner lebenslangen Motivation, welche der folgende Satz von ihm belegt: »Ich gebe auch zu bedenken, daß die Natur das Zwingende selbst der anscheinend am klarsten konstruierten logischen Folgerungen durchaus nicht immer anerkennt; sie geht ihre eigenen vielverschlungenen Wege, die wir geduldig zu erforschen haben.«
Noch viele weitere Charaktereigenschaften dieses Mannes könnte man hinzufügen, auch wenn sich nicht alle aus der Buchstabenreihe seines Vornamens ableiten ließen. Dennoch, sein Name und sein Lebenswerk werden stets ver bunden sein mit den Begriffen Ehrlichkeit, Rastlosigkeit und Bescheidenheit. Auf der täglichen Suche nach neuen, nach seinen, Grenzen stellten sich fast zwangsläufig seine wissenschaftlichen Erfolge ein, die ihn weder ruhen noch übermütig werden ließen. Zahlreiche Ehrungen wurden ihm zuteil, er war Ehrenmitglied vieler medizinischer Fachgesellschaften, erhielt den damals höchstenOrden des Landes Baden, wurde zum Geheimrat und später zur Exzellenz ernannt, war Leibarzt der Königin von Schweden und der Großherzogin von Baden.
Er war Mitbegründer der »Deutschen Zeitschrift für Nervenheilkunde«, treibende Kraft und erster Vorsitzender der von Herrmann Oppenheim gegründeten »Gesellschaft deutscher Nervenärzte«.Er blieb bis zu seinem Tod am 29. Oktober 1921 bescheiden und selbstkritisch und gab dies auch an seine Schüler weiter. Als Max Nonne nach drei Jahren die Erb'sche Klinik verließ, verabschiedete ihn dieser mit den Worten:
»Wenn Sie fleißig und gewissenhaft bleiben, werden Sie vorwärts kommen und vielleicht eine sogenannte Autorität werden. Hüten Sie sich, sichselbstfüreineAutoritätzu halten, dennjedeAutorität, diesich in hohen fahren in diesen Begriff hineingelebt hat, muß erkennen, daß die Ansichten und Lehren ihrer Jugendzeit irrig waren oder mindestens starker Korrekturen bedurften; seien Sie mißtrauisch gegen laute Erfolge, schätzen Sie das Goethe-Wort, "Was glänzt, istfür den Augenblick geboren, das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.« Und noch eines: Beten Sie jeden Morgen am Bett: " Lieber Gott, laß mich nicht verbummeln". Und noch ein letztes Wort: Nur arbeiten ist kein volles Leben; leben Sie nach dem Prinzip: " Fix arbeiten und sich fix amüsieren.«
Von Privatdozent Dr. med. H. Michael Mayer

Ausgewählte Literatur:

Erb, Wilhelm Heinrich: Über die Agoniesteigerung der Körperwärme bei Krankheiten des Zentralnervensystems.Deutsches Archiv für klinische Medizin, 1/2,1865

Erb, Wilhelm Heinrich: Zur Entwicklungsgeschichte der roten Blutkörperchen. Virch. Arch. Bd. 34: 138 - 194, 1865, Habil. Schrift.

Erb, Wilhelm Heinrich: Ein Fall von Fazialparalyse. Verhandlungen des naturhistorisch-medizinischen Vereins zu Heidelberg, Band IV., 1867

Zur Kasuistik der Nerven - und Muskelkrankheiten (Bleiparalyse und Accesoriuslähmung). Deutsches Arch. f. klinische Medizin, Band IV., 1868

Erb, Wilhelm Heinrich: Ein Fall von Bleilähmung. Arch. f. Psychiatrie und Nervenkrankheiten, Bd. V.; 1875

Erb, Wilhelm: Über die neuere Entwicklung der Nervenpathologie und ihre Bedeutung für den medizinischen Unterricht. Akad. Antrittsrede in Leipzig, 16.6.1880

 

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